Venedig: zwischen Gucci-Store und schimmeligen Türstöcken

Man sagt, Gegensätze ziehen sich an. Man redet von der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich. Man spricht von Gated Communities gegenüber vom Slums. Aber noch nirgends habe ich einen Ort gesehen an dem die Gegensätze so eng beieinanderliegen, dass es verschiedener gar nicht geht. Und das von dem meisten völlig unbemerkt. So als hätten sie sich heimlich zueinander geschlichen.

Denn im Auge des Betrachters liegt nicht das Detail. Im Gegenteil: Wer durch Venedig spaziert, der ist überwältigt von Eindrücken. So intensiv, dass Feinheiten gar nicht auffallen. Trotzdem bleiben die Bilder hängen und drängen sich mit der Zeit in das Bewusstsein. Bilder und Eindrücke, von denen man im ersten Moment, in den ersten Tagen, Wochen und Monaten, gar nicht weiß, dass man sie wahrgenommen hat.

In meinem Kopf habe ich immer wieder das Bild einer Tür vor Augen. Wer schonmal in Venedig war, der weiß, dass manche Hauseingänge direkt ins Wasser führen. So einen besagten Hauseingang gab es in irgendeiner Seitengasse, irgendwo inmitten Venedigs. Drei Stufen führten direkt ins Wasser, besetzt mit Muscheln und grün und glitschig von den Algen. Vor der eigentlichen Haustür gab es eine Gittertür, ganz verbeult, in die der Rost schon richtige Kerben gefressen hatte. Dahinter ein Holzportal. Es muss einmal sehr prachtvoll ausgesehen haben. Zweiflüglig, beschlagen mit Eisen. Inzwischen ist von dieser ehemaligen Pracht nicht mehr viel zu sehen. Sie lässt sich höchstens noch erahnen. Das Eisen ist rostig, das Holz morsch und schimmlig, die Tür schon lange nicht mehr dicht. Größere Wellen schwemmen gegen die Tür und das Wasser dringt durch die Löcher in das Erdgeschoß. Es stimmt melancholisch diese vergangene Pracht anzuschauen, wenn man weiß: zwei Gassen weiter ist ein Gucci-Store und ein Ferrari-Shop, daneben Schmuck-Läden mit ihrer ganzen Pracht und Schönheit.

Auch auf dem Wasser sind diese Gegensätze unverkennbar. Touristen lassen sich auf Gondeln durch das Wasser rudern wie Könige. Prunkvolle, schwarze Gondeln mit einem Thron als Sitz, bezogen mit Samt und Pelz. Daneben fahren die großen Wasserbusse. Ein Netz des ÖPNV nur eben auf dem Wasser, mit Haltestellen und Ticketkontrollen, allem Drum und Dran. Die Boote sind voll, die Poller abgenutzt, der Rand gerostet. Je nach dem wo man sitzt, hört es sich am, als würde der alte Kahn gleich untergehen. Und von so einem Sitzplatz aus blickt man auf eine ruhig dahinschaukelnde Gondel die gerade in einer kleinen Gasse verschwindet.

Aber auch die Menschen scheinen diese ungeschriebene Regel zu befolgen. So als wäre sie ganze Stadt, mit all ihren Besuchern und Bewohnern dem Prinzip der Gegensätzlichkeit verschrieben. Denn in Venedig ist es voll. Wirklich voll. Massenhaft eng gedrängt Menschen, die sich vom Sehenswürdigkeiten zu Sehenswürdigkeit schieben. Aber will man dem entfliehen reichen zwei Straßenecken. Nur zwei. Zwei Straßenecken abseits der Hauptroute und man ist mutterseelenalleine. 10 Schritte reichen aus um aus der Menschentraube in eine einsame und ruhige Gasse zu gelangen.

Trotzdem muss man nicht mal in eine andere Gasse gehen um sich mit solchen Gegensätzen konfrontiert zu sehen. Es reicht aus, wenn man stehen bleibt und sich umsieht. In den Häuserzeilen reiht sich ein teures Restaurant an das andere, ein überteuerter Süßigkeitenladen an eine Victoria-Secret Boutique, ein Schmuckladen an einen exorbitanten Souvenirshop mit mindestens genauso exorbitanten Preisen. Allgemein wirkt Venedig einfach edel. Man schnuppert die Luft von etwas besonderem, Geld spielt (zumindest augenscheinlich) keine Rolle. Aber dann steht in der Mitte der Gasse ein Stand mit billigen venezianischen Masken. Etwas so edles, so billig produziert, wird damit seines ganzen Charmes beraubt. Auf den Plätzen versuchen Männer verzweifelt wertloses Kinderspielzeug zu verkaufen, das mehr Aufwand und Probleme in der Entsorgung bereitet als dass es Freude zum Spielen bringt. Man darf bloß nicht zu fasziniert auf das Lichterspiel schauen, dass sie mit dem Spielzeug veranstalten, sonst ist man sofort umringt, auch als Erwachsene. Irgendwie hat mich das an die Rosenfrauen in Athen erinnert. Und das alles, inmitten der edlen Pracht, die über alles erhaben zu sein scheint.

Aber das fällt einem alles gar nicht so deutlich auf. Wenn man so durch Venedig läuft, wird man bombardiert mit Eindrücken. Die Augen springen von einem faszinierenden Fleck zum anderen. Man ist so überwältigt, dass man nur alles unreflektiert in sich aufnehmen kann. Man sammelt und sammelt und sammelt die Eindrücke, gierig nach mehr. Bis man vor einem Straßenkünstler stehen bleibt. Er zeichnet Portraits von Passanten, mit einer Hingabe und mit einem Talent, dass man gar nicht anders kann als stehenzubleiben. Gezwungenermaßen atmet man 10 Minuten, oder eine Viertelstunde durch, bis das Portrait fertig ist. Vielleicht wartet man auch das Nächste noch ab, zu fasziniert um weiter zu gehen, gezwungen zu einer Pause. Wie gegensätzlich die Postkartenstände zu beiden Seiten sind, die überteuerte Drucke von Fotos oder Gemälden verkaufen, das bemerkt man zunächst gar nicht. Die Gegensätze haben sich zueinander geschlichen, ganz still und heimlich.

Venedig, ist laut und still, voll und leer, überwältigend und vorhersehbar, aber trotzdem voller Überraschungen. Es ist schrill und falsch und gleichzeitig so echt und alt und authentisch. Ich liebe Venedig und gleichzeitig sehe ich es mit kritischen Augen und zweifle es an. Tja, wie soll ich sagen, Gegensätze ziehen sich einfach an.

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