Kathmandu

Den ersten Eindruck von Kathmandu bekommt man bereits vom Flugzeug aus, wenn man beim Landeanflug auf den Flughafen das erste Mal durch die Wolken bricht.

Zuerst kommen die weichen Hügel mit Reißfeldern, Wald und vereinzelten Häusern. Und ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, sind es nicht mehr einzelne Häuser, sondern haufenweise. Und alle haben eine andere grelle Farbe. Aus dem Flugzeug wirkt es, als hätte ein riesiges Kind bunte Bauklötze über dem Tal ausgekippt.

Es sieht ganz fröhlich aus, lebendig und bunt. So völlig verschieden von den staubigen, grauen Gassen, in denen man sich später wiederfindet, dass man manchmal nicht glauben kann, das es die selbe Stadt war, die man von oben gesehen hat.

Auch im Flughafen ist noch alles in bester Ordnung. Alles ist sauber, geordnet und sortiert. Man findet sich zurecht.

Aber kaum tritt man vor die Tür trifft einen der Kulturschock. Taxifahrer bombardieren einen von allen Seiten mit, nach indischem Englisch klingenden Fragen. Gleichzeitig versucht man uns SIM-Karten zu verkaufen und zu bedeuten wo der Geldautomat ist. Denn ohne Bargeld geht fast nichts, so viel wissen wir inzwischen.

Im Taxi geht es nicht besser weiter (auch abgesehen davon, dass uns der Taxifahrer später übers Ohr hauen wird). Das Taxi ist winzig. Wir können uns kaum rein falten, Gurte gibt es nicht und der Verkehr ist beängstigend. Linksverkehr, natürlich. Und ein riesiges Durcheinander noch dazu. Massenhaft Motorräder drängeln sich zwischen den hupenden Autos durch und hupen ihrerseits. Generell wird viel Gehupt, aber eher um zu sagen „Heyho, hier bin ich und da will ich durch!“. Und wirklich JEDER will bemerkt werden. An den, von Polizisten mit Trillerpfeife organisierten, Kreuzungen steht man zum Teil mehr als 5 Minuten und hat so Zeit dem regen, staubigen Treiben zuzuschauen.

Aber nach dem, fast zweitägigen Flug, ist mir einfach alles zu viel. Diese Stadt überfordert mich. Sie ist zu voll, laut, staubig, hektisch und fremd.

Letzte Zuflucht: Hotelzimmer. Aber auch das ist eher karg. Zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein Stroh-Regal und ein Bad, das mich nicht gerade anlacht (aber nachdem ich die  öffentlichen Toiletten Kathmandus kennen gelernt hab, war es doch toll). Aber es musste ja noch irgendwo Abendgegessen werden…

Nach den Essen sah das ganze schon viiiel besser aus. Und nach einer Nacht Schlaf hatte ich mich schon fast an die Stadt gewöhnt. Nach der anfänglichen Überforderung fing ich sogar an das hektische Treiben in den schmalen Gassen zu genießen, in denen sich Passanten, Händler, Motorräder und manchmal sogar Autos tümmeln.

Auch die Leute, die einen die ganze Zeit ansprechen empfand ich irgendwann nichtmehr als unangenehm. Man sagt auf „You want Taxi?“/ „Rikscha?“/ „You need guide for trekking?“/ „You want some Wheed/ Magic Mushroom?“ einfach „hoina!“ oder „No, thank you!“ und geht weiter.

Die Straßendealer sind eh die besten von allen. Bis jetzt haben uns nur Leute in Thamel angesprochen. Und genau genommen auch nicht uns, sondern nur meine zwei männlichen Begleiter. Sie stehen neben Rikschas einfach auf der Straße rum und kommt man vorbei, dann gehen sie strahlend auf einen zu. „Heyyyyy!! How are you? Where are you from?“ und mitten in dem Wulst aus belanglosen Fragen wird plötzlich ein Seitenblick nach rechts und Links geworfen. Dann kommt in verführerischer Flüsterstimme „You want some Wheed?“ Alternativ gibt es auch Magic Mushrooms oder ganz selten auch Kokain zu kaufen.

Aber nicht nur die Dealer haben es in sich, auch der Verkehr ist in gewisser Weise schon fast lustig. Egal wo man ist, es ist immer ein riesiges Durcheinander. Jeder versucht sich hupend seinen Weg zu bahnen. Ampeln gibt es kaum und wenn, dann gehen sie nicht. Steht man dann das erste Mal vor einer der gigantischen Kreuzungen und will die Straßenseite wechseln, dann setzt zu aller erst totale Überforderung ein. Wir standen geschlagene 5 Minuten vor dem Bordstein, ohne zu Wissen, was wir jetzt tun sollten. Irgendwann kam (Gott sei Dank) ein kundiger Nepali, der ohne zu Zögern einfach in den Verkehrsstrom hineinspazierte. Ich erwartete das Schlimmste aber erstaunlicherweise konnte er einfach unbehelligt über die Straße spazieren, während der Verkehr um ihn herum diffundierte.

Kurze Zeit standen wir noch da uns sammelten unseren Mut. Dann war es an uns auszuprobieren ob der Nepali nur Glück hatte oder ob es tatsächlich so läuft. Das erstaunlichste war: Es funktioniert tatsächlich. Und zwar immer und überall. Dieses unvorstellbare, laute und hektische Chaos funktioniert einfach. Ich weiß nicht wie oder warum aber es klappt und irgendwann hört man auch auf es zu hinterfragen.

Ich habe den größten Respekt vor den Motorradfahrern in Kathmandu. Neben der Tatsache, dass sie geschickt und schnell, auch durch die engsten Lücken manövrieren erreichen sie auch so ziemlich jeden Punkt und Kathmandu. Viele der Straßen sind für Autos nämlich gar nicht befahrbar. Ob zu eng, zu steil, zu holprig oder gleich eine ganze Offroadpiste innerorts, überall wo die Autos nicht hinkommen, tummeln sich umso mehr Motorräder. Nepalis sind wahre Motorradgenies.

Gerade weil es so viele enge Seitengassen gibt, in die nur Fußgänger oder Motorradfahrer kommen, sollte man diese auf keinen Fall meiden! In den Gässchen und Innenhöfen finden sich meistens die schönsten Märkte und die besten Restaurants.

Das einzige, an das ich mich noch nicht gewöhnt hab und auch nicht gewöhnen werde, ist der Staub und die Luftverschmutzung. Wenn man blöd genug ist um viel zu reden, dann spürt man bald Körnchen zwischen den Zähnen. Der Großteil der Menschen trägt Atemmasken und ich war die erste die sich auch so eine zugelegt hat. Vielleicht bin ich auch nur ein bisschen zimperlich, aber ich fand es schlimm, nicht frei Atmen zu können. Und da hat das Wasser, das viele vor ihren Läden verschüttet haben, um dem Staub entgegen zu wirken, nicht viel geholfen.

Allgemein ist Kathmandus viel belebter als jede europäische Stadt, die ich mir so vorstellen kann. Das Leben sprüht aus jeder Ecke. Ob in den vollen Läden, zwischen den wehenden, bunten Gebetsfahnen oder in den Kunstwerken, die die Strommasten im Grunde sind. Hier kann man immer und immer wieder die gleichen Wege gehen und sieht trotzdem jedes Mal etwas neues. Und insgeheim kann man, unter dem Unbehagen und der Hektik, nicht anders, als die Stadt zu lieben, die alles zugleich zu sein scheint.

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