Annapurna-Circuit-Treck Tag 7 und 8

In 13 575 Schritten von Yak Kharka nach Thorung Phedi.

Die nächste kurze Etappe und damit der nächste, etwas kürzere Beitrag … oder auch nicht, denn natürlich lief mal wieder nicht alles nach Plan. Aber wann tut es das schon?

Als wir morgens aufstanden, selbstverständlich schön früh, falls wir doch loslaufen sollten, tat es das natürlich nicht. Daraus wurde nämlich nichts, denn Nils hatte immer noch Kopfschmerzen und wollte lieber nichts riskieren. Ganz nach dem Motto „Better save than sorry.“ Also fielen wir nach dem Frühstück direkt wieder um ins Bett. Ich schlief sofort wie ein Stein, aber Nils war irgendwie rastlos und beschloss einen Spaziergang nach Letdar (4220m), dem nächsthöheren Ort zu machen, um auszutesten ob wir nicht evtl. doch weiterkönnen bzw. um dem Akklimatisierungsprozess ein wenig unter die Arme zu greifen. Alles schön und gut. Ich genoss meinen Schlaf.

Inzwischen wissen wir, warum Yak Kharka so heißt, wie es heißt.

Um 11 Uhr stürmte ein gut gelaunter Nils wieder ins Zimmer: Er war in Letdar, die Kopfschmerzen hatten sich gegeben und ihm ginge es super, wir können also doch bis Thorung Phedi (4520m) laufen, oder zumindest bis Letdar, das könnten wir ja ganz spontan machen. Damit hauten mich die Jungs aus dem Bett und scheuchten mich zum Packen. In Windeseile (nach fast einer Stunde) war ich dann auch abmarschbereit.

Wir beschlossen (nicht ganz einstimmig) erst in Letdar Mittag zu Essen. Laut Nils ist es gaaar nicht so weit. Er war ja vorhin auch ohne Rucksack unterwegs gewesen… Jedenfalls verhungerte ich fast auf dem Weg. Dafür war das Mittagessen dann umso besser. Wir aßen, wenn ich mich richtig erinnere, im letzten Restaurant des langgezogenen Ortes (ja, die Jungs haben wirklich eine kleine sadistische Ader). Es gab einen Essensraum mit einer großen Glasfront, durch die einem die Sonne auf den Rücken schien und ein göttliches Egg-Curry mit Reis.

Frisch gestärkt kamen wir trotzdem nur langsam voran und es wurde immer mühsamer. Nils und ich (ok, ich sehe es ein, vor allem ich) mussten, ganz besonders an den steileren Stellen, alle paar Meter eine Verschnaufpause einlegen, während Tom mit strammen Schritten voranmarschierte. Wirklich frustrierend. Und ich dachte ich wäre fit…

Wir hangelten uns von Wegpunkt zu Wegpunkt, steckten uns immer neue Ziele, die uns einigermaßen erreichbar schienen. Nicht mehr das Ankommen zählte, sondern jeder kleine Fortschritt. Als wir endlich die Brücke auf der Hälfte des Weges erreichten, war es schon ziemlich spät nachmittags und die Motivation sank parallel zur Temperatur.

Es war eisig.

Nächstes Ziel: Ein Teehouse. Von hier aus konnte man Thorung Phedi schon erahnen, aber es schien trotzdem unerreichbar. Dieses letzte Stück war das härteste meines Lebens (zumindest bis zu diesem Zeitpunkt) und als ich an den Stufen vor Thorung Phedi ankam, hätte ich mich beinahe einfach in den Schnee gesetzt und wäre dageblieben. Hätte der Tom, der schon lange vor Nils und mir angekommen war, mir nicht den Rucksack abgenommen wären diese 10 Stufen ein unüberwindbares Hindernis geblieben.

Ganz ungefährlich war dieses Stück der Etappe aber auch nicht. Der Pfad führte durch, zum Teil ungesicherte Erdrutschstellen. Zu lange sollte man sich da nicht aufhalten. Eine andere Trekkerin ist hier von einem Yak „mit einem Stein beworfen worden“. Das brachte ihr eine hübsche Platzwunde an der Stirn bei, die hier oben natürlich niemand nähen konnte. Dafür hat sie jetzt zumindest eine tolle Geschichte zu der Narbe die das mitten auf der Stirn geben wird. Sie sieht es mit Humor.

Zum Glück waren die Stufen dann doch nicht so unüberwindbar wie ich zuerst dachte. Irgendwie schaffte ich es dann doch in den Gemeinschaftsraum/ Speisesaal/ Dereinzigewarmeraum der Thorung Base Camp Lodge. Die Anstrengungen des Tages waren mit einem warmen Schokogebäck schnell wieder vergessen. Marsriegel waren ja leider Tabu … woran mich der Tom jedes Mal mit (Schaden)Freude erinnerte, sobald mein Blick wieder zum Schokoriegelregal wanderte. Aber wenn man schon nachgibt, dann wenigstens seinen eigenen Prinzipien. Dementsprechend hielt ich meinem Schokoladenheißhunger noch ein paar Tage länger stand.

Wem ich aber nicht standhalten konnte, das war mein eigener Appetit. Also gab es die besten Spaghetti mit Tomatensauce und Pizza, die ich jemals gegessen habe, zum Abendessen. Nicht gerade das regionalste, ich weiß, aber so stark war mein Wille nach so einem Tag auch wieder nicht.

Inzwischen kannten wir fast alle Gäste vorn irgendeinem Punk auf dem Weg und die, die wir noch nicht kannten, lernten wir spätestens hier kennen. Den ganzen Abend wurde Geredet, Karten gespielt, Gegessen, Gelacht und gemütlich um den warmen Ofen gesessen, über Drogen philosophiert während auf dem Ofen Tetris mit Schuhen gespielt wurde. Überraschenderweise schmorte dabei nicht mal eine Sole an.

Thorung Base Camp Lodge

Dazugelernt hatten wir auch: Wir gingen gleich ohne die Ambition ins Bett, morgen früh aufzustehen um den Pass evtl. zu versuchen. Stattdessen gönnten wir uns einen Tag Pause und schliefen aus. Auch wenn es mich in den Fingern, na gut, eher in den Zehen juckte. Ich wollte endlich den blöden Pass und damit die schwerste Etappe dieser Reise hinter mir haben. Dieses ständige hinarbeiten auf ein augenscheinlich unmögliches (oder zumindest sehr anstrengendes) Ziel macht mich ganz wahnsinnig.

Den nächsten Tag verbrachten wir im Paradies: Noch mehr Tee, Pizza und Schokoladengebäck, dazu Kartenspiele mit lautstarken Beleidigungen (Tom zählt immer die Karten mit, ganz zur Freude von allen Anderen, deren Gehirn auf 4500 m nicht mehr ganz so funktionstüchtig ist). Der Lodgebesitzer jammte leise mit einem anderen Musiker, ich konnte mein Buch in Ruhe lesen und die Sonne schien mir durch die Glasscheibe auf den Rücken.

Das Internet funktionierte auch nicht, damit blieb das Chaos, in dem die ganze Restliche Welt zu der Zeit versank, ganz weit weg von uns…

Was gibt es schöneres?

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