Annapurna-Circuit-Treck Tag 9: Der Thorong La Pass

Der Thorong La Pass in 28 352 Schritten.

Wir haben kurz mit dem Gedanken gespielt, noch eine weitere Nacht im High Camp zu verbringen. Das läge knapp 500 m über Thorong Phedi, wäre damit im akzeptablem Rahmen für einen Tagesaufstieg und würde die Etappe über den Pass deutlich verkürzen. Nach eindringlicher Beratung von allen Seiten wurde diese Idee aber gleich wieder verworfen. Da oben ist es kalt, ungemütlich, man schläft schlecht wegen der Höhe, hat Kopfschmerzen aus demselben Grund und es ist auch in einem Tag zu schaffen. Na gut, also dann los!

Der Wecker klingelte um 4:30 Uhr. Gut geschlafen hatte ich eh nicht. Wir versuchten uns schnell abmarschbereit zu machen, aber das Vorhaben war schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt, ich war ja dabei…

Dann Frühstück und um 5:30 marschierten wir los, noch im Dunklen mit Stirnlampe. Zugegeben, ganz ungefährlich war das nicht, denn der Boden des Trampelpfades, der sich in Serpentinen den Hang nach oben schlängelt, war ziemlich vereist. Es ging aber trotzdem auch ohne Steigeisen gut. Die Geschwindigkeit wird eh begrenzt durch die Höhe und das dadurch bedingte Fehlen von Sauerstoff. OK, na gut, und auch durch die eigene körperliche Leistungsfähigkeit. Die Jungs waren nämlich um einiges schneller als ich und ich dementsprechend irgendwann ganz schön angepisst darüber, alleine gelassen zu werden … An diese Stelle nochmal Sorry Nils und Tom …

Wir brauchten, zumindest gefühlt, gar nicht so lange bis zum High Camp (4880m), nämlich ca. 1,5 Stunden und beschlossen eine Teepause zu machen, denn wir waren ganz durchgefroren. Zwar hatten wir warme Winterausrüstung dabei, für -25°C und Wind waren wir aber nicht ausgerüstet. Um ehrlich zu sein, hatten wir auch nicht mit einer Polarexpedition gerechnet. Nach dem Tee war uns dann auch klar warum eine Nacht hier oben wirklich nicht empfehlenswert ist…

Spoiler: Die Temperaturen werden nicht angenehmer.

Das erste Stück nach dem Base Camp ging noch. Die Aussicht war grandios und der Weg OK. Es lag ziemlich viel Schnee aber der Weg war „vorgetrampelt“, so dass man nicht bis zum Knie darin versank.

Nach der Brücke verlief der Weg ziemlich ungünstig im Wind und parallel zur Temperatur sanken auch meine Kräfte. Ich dachte erst, ich wäre einfach nicht fit genug und hätte deshalb solche Probleme mit dem Vorankommen. Doch auf dem Abstieg, den ich noch überraschend gut meistern konnte, wurde mir dann klar, dass es die Kälte war, die mir solche Probleme bereitet hatte. Der beste Vergleich, der mir einfällt, ist das Schwimmen in wirklich kaltem Wasser: Nach erschreckend kurzer Zeit fängt die Kälte an, dem Körper die Energie zu entziehen und die Arme und Beine werden so müde, dass man sich fast nicht mehr über Wasser halten kann. Genau das gleiche ist mir auf dem Pass passiert. Nur, dass ich das zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht wusste.

Irgendwann nach besagter Brücke kommt man an ein kleines Haus, in dem man früher wohl übernachten konnte. Ich frage mich wer das wohl wollen würde. Ich jedenfalls nicht. Ich wollte nur noch runter. Hier hatte ich den Punkt erreicht, wo ich einfach nicht mehr konnte. Tom versuchte mir ständig meinen Rucksack abzunehmen oder mir seine Jacke anzudrehen, aber ich wollte es ohne Hilfe schaffen. So lange ich noch genügend Kraft für einen kleinen Ego-Trip hab, wird es wohl nicht so schlimm sein, also kämpfte ich mich (mit Toms Handschuhen) weiter voran.

Ab hier begann erst die wahre Tortur: Ich konnte nicht mehr als zwei Schritte auf einmal machen und hatte das Gefühl gar nicht mehr voran zu kommen. Dazu kam die eisige Kälte die durch jede Jackenspalte und in die Handschuhe kroch. Und die natürliche Beschaffenheit des Passes, für die er auch bekannt ist (was wir leider erst im Nachhinein erfuhren):

Am Horizont, für mich gefühlt unerreichbar, war eine Kuppe zu sehen. Hoffnungsfroh wie ich war dachte ich mir: „Das ist es, das muss der Pass sein, danach geht es nur noch bergab.“ Also wurden die letzten Reste und Kraftreserven mobilisiert und irgendwie, ich kann mir nicht erklären wie ich das geschafft habe, erreichte ich die Kuppe. Danach ging es auch bergab, ja. Aber nur so lange, bis es auf die nächste Kuppe wieder nach oben ging. Dieses Spiel von vager Hoffnung, Zähne zusammenbeißen, verzweifeltes Voranschieben, Freude und dann, ganz plötzlich und aus dem Hinterhalt, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wiederholte sich mehrmals. Um ehrlich zu sein kann ich gar nicht mehr sagen wie viele solcher Hügel es zu bezwingen gab, es waren in jedem Fall zu viele!

Irgendwann war ich so weit, dass ich dachte ich muss unbedingt weitergehen, weil, wenn ich jetzt stehen bleibe, dann knicken meine Beine einfach unter mir weg und ich bleibe im Schnee liegen und sterbe da. Das war der Punkt, an dem ich Toms Jacke dann doch angenommen habe (und nach Nils freundlichem Hinweis ich solle vernünftig sein).

Irgendwann waren Fahnen am Horizont zu sehen, aber ich wagte noch nicht zu glauben, dass das wirklich endlich der höchste Punkt sein soll. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes schon alle Hoffnungen über Bord geworfen. Um ehrlich zu sein dachte ich auch, dass ich es nicht bis zu den Fahnen schaffen werde, aber iregndwie ging es dann doch. Und es war tatsächlich der „Gipfel“. Mit Schild und Fahnen und Teehouse und Aussicht und allem Drum und Dran. So viele Irrtümer an diesem Tag…

Wirklich genießen konnten wir die Zeit da oben leider nicht. Dazu war es viel zu kalt. Natürlich wurden Fotos gemacht und kurz die Aussicht in beide Richtungen betrachtet, aber danach waren wir uns alle einig, dass es jetzt reicht und wir nur noch schnellst möglich bergab wollen.

Panoramaaaa

Es konnte uns gar nicht schnell genug gehen und so rannten wir im wahrsten Sinne des Wortes einfach bergab. Na gut, manchmal rutschten, vor allem der männliche Teil unserer Truppe, auch ganz einfach auf dem Po talwärts. So kamen wir gut voran, bis es warm genug wurde, dass der Schnee langsam taute. Ab da war es einfach nur noch eine Quälerei. Tom warf alles über den Haufen und schob sich auf seinem Po mit einer Plastiktüte voran und Nils war so erschöpf, dass ihm alle paar Schritte einfach die Beine wegrutschten und er wieder einige Minuten einfach nur im Schnee/Matsch saß, bis genügend Motivation aufgebracht war, um wieder aufzustehen. Ich hatte noch überraschen viel kraft, nämlich genug um meinen Gleichgewichtssinn am Laufen zu halten. Und so tastete ich mich in kleinen, vorsichtigen Schritten voran und schaffte es ohne hinzufallen.

Das Drama schien kein Ende zu nehmen. Das einzige Erfolgserlebnis war, dass wir Muktinath (3760m) in der Ferne sehen konnten, hierbei war aber das entscheidende, dass es näherkam. Kurz vor dem Erschöpfungszusammenbruch, so schien es mir zumindest, erreichten wir die ersten Ausläufer der „Zivilisation“. Konkret: Eine Reihe von Restaurants.

Die gute Nachricht war also: ES GAB ESSEN!

Die Schlechte: Es war noch über eine Stunde bis Muktinath.

Wir verschlangen, was es zu verschlingen gab und schleppten und notgedrungen weiter. Das letzte Stück war aber keineswegs das schlimmste. Der Weg war schön zu gehen, die Sonne warm und Muktinath kam endlich merklich näher. Noch eine Brück, vorbei an lustigen Schafherden, ein Blick zurück um zu bewundern wo wir herkamen und ab durch das Stadttor, wo wir auch gleich die ersten bekannten Gesichter trafen.

Im Hotel Bob Marley, in dem wir uns eigentlich alle treffen wollten, war leider kein Zimmer mehr frei, also nahmen wir einfach ein Zimmer im Hotel daneben. Nach über 11 Stunden Wanderung endlich in einem Bett zu liegen ist besser als jeder andere Luxus der Welt, und wenn es auch noch so hart und unbequem ist. Die heiße Dusche und das überaus göttliche Abendessen, das wir im Bob Marley bestellten, taten das Übrige.

Und somit kann ich sagen: Ich bin stolz die größte körperliche Herausforderung gemeistert zu haben, die sich mir bisher gestellt hat (und ein wenig Schuldbewusst, wegen dem Drama, das ich veranstaltet habe. Aber sowas passiert halt hin und wieder wenn zwei Sturköpfe von beiden Seiten an der gleichen Stelle mit dem Kopf durch die Wand wollen. Also bin ich vor allem Stolz.)

Zum Schluss möchte ich noch etwas erwähnen: Ich möchte hiermit keine Horrorgeschichte erzählen und Angst vor dem Pass machen. Im Gegenteil. Ich möchte von einer Erfahrung berichten, die für mich ein sehr extremes Erlebnis war und wie ich diese Herausforderung gemeistert habe. Ich habe es geschafft und jeder der genügen Willenskraft (und Training) hat kann das ebenfalls. Die Schwierigkeiten die wir hatten, ergaben sich aus den extremen Witterungsverhältnissen Ende März. Zu einer anderen Jahreszeit, oder sogar einfach nur an einem anderen Tag, kann die Sache gleich wieder ganz anders aussehen. Andere Trekker, die den Pass einen Tag später begangen haben, haben Dinge erlebt, die nicht gegensätzlicher sein können. Was ich damit sagen will ist: Strahlender Sonnenschein und Windstille sind genauso möglich wie eine Sperrung des Passes aufgrund von Schneefall und vielleicht ist einem das Glück gegeben, dass man in Ruhe einen Tee trinken und in der Sonne die Aussicht genießen kann. Solange man genügend Zeit mitbringt, kann man immer noch eine weitere Nacht in Thorung Phedi verbringen und auf das perfekte Wetter warten. Aber auch nicht ganz perfektes Wetter bringt einen nicht um, solange man auf seinen eigenen Körper hört.

Nein, wir haben sicherlich keinen weiteren Gipfel mehr erklommen. Zwischendrin ist wohl ein kleiner GPS-Fehler passiert. Desshalb stimmen die Daten nicht so ganz, aber ich denke, die entscheidenden Punke werden klar.

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