… Und dann erreichte Corona auch uns

Das Drama um unsere verfrühte Heimreise in 5 Akten:

Akt 1: Das Ankommen in der Realität

Bei der erstbesten Gelegenheit wechselten wir am nächsten Tag ins Bob Marley. Es war schlicht und einfach das schönere Hotel mit dem besten Essen. Und man konnte mit Visa bezahlen, ein Todschlagargument, nachdem uns das Bargeld knapp wurde. Und es gab Internet. Irgendwann ist der Punkt gekommen an dem man sich der Welt eben stellen muss.

Das erste Problem, dem entgegentrete mussten, erreichte uns aber gar nicht via Handy, sondern vom Hotelchef persönlich. Wir sollen doch mal zum ACAP-Checkpoint gehen und uns informieren, denn ab dem nächsten Tag sollen die Straßen gesperrt sein. Warum genau und wie das aussehen soll und ob wir weiter Wandern können, das wusste er irgendwie selber nicht. Also sind wir guter Dinge zum Checkpoint marschiert, nur um auf ganzer Linie ignoriert zu werden. Der nette Nepalese konnte oder wollte wohl einfach nicht auf unsere Fragen antworten.

Akt 2: Entscheidungen

Nicht viel schlauer als zuvor, musst dann im Hotel eine Entscheidung getroffen werden. Nils Flug von Jomsom nach Kathmandu war gestrichen, was uns nicht so wirklich überraschte. Trotzdem mussten wir überlegen wie es weitergehen soll.

Nils alleine zu lassen, wenn nicht klar ist, ob und wie er überhaupt nach Hause kommt, kam nicht in Frage. Nach einigen Telefonaten mit den Eltern wurde dann folgende, durchaus weise Entscheidung getroffen: Nach Kathmandu durchschlagen, nur um dann in einer großen Stadt festzusitzen, ohne zu wissen wann und wie wir nach Hause kommen sollen, ist eher suboptimal. Daher Wandern wir einfach zu dritt weiter, soweit wie wir eben kommen. Nils Arbeitsstelle hatte eh geschlossen, daher wäre es auch kein Problem, wenn sich seine Rückkehr um ein paar Wochen verzögert. Wir waren frohen Mutes, da die Menschen hier ja vom Tourismus leben und nach uns wohl nicht mehr so viele nachkommen werden. Wie naiv wir doch waren…

Im Laufe des Tages wurde jedoch klar, dass daraus leider wenig wird. Wir erfuhren, dass in Nepal ab dem nächsten Tag ein „lock down“ gilt. Sprich Ausgangssperre. Für unsere Pläne war das natürlich eher hinderlich. Also ein weiteres Telefonat mit Mama und die Pläne wurden geändert. Das Bob Marley ist ja eigentlich auch nicht der schlechterste Platz um eine Ausgangssperre auszusitzen. UND man kann mit Kreditkarte Zahlen. Geld ist also, zumindest theoretisch, auch kein Problem.

Leider war das dann doch nicht so einfach wie gedacht. Natürlich nicht. Wie hätte es denn sein können, dass einmal etwas nach Plan läuft. Wir bekamen nämlich mit, dass gerade ein Townhallmeeting veranstaltet wurde, auf dem man über uns Touris diskutierte. Lapidar gesagt: Man wolle uns einfach nicht mehr dahaben. Alle Hotels sollten geschlossen, keinen neuen Touristen mehr aufgenommen und alle, die schon da waren, weitergeschickt werden. Dass das in der Realität, vor allem für uns nicht so wirklich funktioniert, war spätestens dann offensichtlich, als die ersten Wanderer vom Pass kamen und kein Hotel fanden, dass sie aufnehmen will. Sie sollen doch einfach in den nächsten Ort laufen … nach 11 Stunden Wanderung … wo sie auch niemand haben will. Unser Hotelbesitzer sah das Problem ein und nahm, entgegen des Willens aller anderen Dorfbewohner, die ganzen gestrandeten Trekker auf.

Später wurde uns auch klar, warum passiert, ist was eben passiert ist: Man erzählte uns, die nepalesische Regierung habe mit dem Lockdown verbreitet, alle europäischen Touristen wären mit Corona infiziert und brächten so das Virus ins Land, da ja Europa zu der Zeit der absolute Hotspot war. Das erklärte den Argwohn bzw. manchmal auch die regelrechte Angst vor uns. Die Leute wollten verständlicherweise „das Virus“ einfach aus dem Ort haben und auch wenn das „Abschieben von Problemen an den Nächsten“ vielleicht kein nachhaltiger Weg ist solche zu lösen, es ist immerhin ein Weg.

Der Hotelchef kam zurück und eröffnete uns das Ergebnis: Wir müssen alle morgen von hier verschwinden. Er war mit diesem Ergebnis nicht einverstanden, damit aber offensichtlich in der Minderheit. Daher riet er uns eindringlich zum ACAP-Checkpoint zu gehen und uns, alle gemeinsam, zu beschweren. Entweder sie sollen uns ein Fahrzeug nach Kathmandu organisieren oder uns erlauben hier zu bleiben.

Akt 3: Wohin mit uns?

Gesagt, getan. Das führte zu einer stundenlangen, nervenaufreibenden Diskussion mit den Verantwortlichen aus Muktinath. Am Ende war ich einfach nur noch verzweifelt. Leider führten auch eher die falschen Persönlichkeiten die Diskussion. Manche (eben einer dieser Diskussionsführer) hatten noch nicht verstanden, dass wir hier eben nicht in Europa sind. Wenn das Townhallmeeting entscheidet, dann ist das Gesetz, auch wenn es vielleicht geltendem Recht wiederspricht. Genauso würde uns die Polizei wohl eher wenig helfen. (Dieser Eindruck bestätigte sich zwei Tage später leider.) Zum Glück führte der Hotelbesitzer einen erbitterten Kampf für uns, was dann bei Einbruch der Dunkelheit zu folgendem „Kompromiss“ führte: Wir bekamen zwei Tage Asyl und drei Abgesandte des Ortes fuhren am nächsten Morgen mit Kopien unserer Pässe zur nächstgelegenen höheren Administration, klären das dort endgültig und finden eine Lösung zusammen mit unseren Botschaften.

Das war zwar nicht ganz das, was wir wollten, aber für den Tag ein akzeptables Ergebnis. Aber mit diesem Ergebnis stand auch unsere nächste Entscheidung fest: Wir versuchen irgendwie nach Kathmandu zu kommen. Uns allen ist unwohl bei dem Gedanken, an einem Ort zu bleiben, an dem wir nicht willkommen sind. Außerdem wäre es Geldverschwendung für, was weiß ich wie viele Wochen, in einem Hotel zu sitzen. Dieses Geld wollten wir uns lieber für diverse geplante Reisen im Sommer aufsparen. Ja, wir waren wirklich naiv.

Zu diesem Zeitpunkt wussten wir schon, dass Frankreich Rückholflüge für Touristen organisiert und auch andere europäische Staatsbürger mitnimmt. Die deutsche Botschaft versprach uns auch, dass in naher Zukunft ebenfalls Flüge von der Bundesregierung organisiert werden. So einen wollten wir versuche zu bekommen, auch wenn noch keine Daten feststanden.

An dieser Stelle möchte ich noch mein Lob an die deutsche Botschaft in Kathmandu aussprechen. Wir haben uns wirklich gut aufgehoben gefühlt, immer jemanden erreicht, der uns mit Rat zur Seite stand und auf jede E-Mail in rekordverdächtiger Zeit eine Antwort bekommen. Vielen, vielen Dank!

Es hätte nämlich auch anders kommen können: Unsere niederländischen Freunde bekamen zum Beispiel nur die Antwort „Now is the time to be creative.“, aber organisiert wurde nichts. Die amerikanischen Staatsbürger mussten sich darauf einstellen „auf unbestimmte Zeit im Ausland zu verharren.“

Ich glaube es kann sich niemand vorstellen, wie nervlich am Ende ich nach diesem Tag war. Ich glaube, so oft habe ich noch nie, innerhalb eines Tages, getroffene Entscheidungen über den Haufen geworfen.

Der nächste Morgen wurde nicht viel besser. Als der Hotelbesitzer kam um die Kopien unserer Pässe einzusammeln, bzw. die Pässe selbst um Kopien anzufertigen, kam zur Sprache, ob es uns denn etwas ausmachen würde, wenn wir in einem Shelter bleiben müssten, falls die Ausgangssperre länger als zwei Wochen dauert. Auf die Nachfrage, wie dieses Shelter denn aussehen würde, ob es Decken, Trinkwasser, Feuerholz und Essen gibt kam nur ein Schulterzucken und ein: „Das müssen die dann schon organisieren.“ Da war der Punkt, an dem mir klar war, wir hatten die richtige Entscheidung getroffen und ich trauerte ihr nicht mehr nach.

Also trugen wir uns in die ELEFAND-Liste und das RÜCKHOPROGRAMM ein. Im Laufe des Vormittags kam dann auch eine Mail der deutschen Botschaft, dass innerhalb der nächsten 24h Flüge organisiert werden würden. Gute Nachrichten. Jetzt ist nur die Frage wie wir nach Kathmandu kommen.

Notfallplan war, nach Jomsom zu laufen, trotz Verbot. Von dort hätten wir versucht irgendeinen Transport zu organisieren. Aber die Rückkehr des Hotelchefs wollten wir doch noch abwarten.

Also schlugen wir auf der Terrasse hinter dem Haus (vorne durften wir nicht sitzen, um den Anschein zu erwecken, dass das Hotel geschlossen ist) die Zeit tot. Und wie könnte das besser gehen, als mit Kartenspielen und Essen.

Als der Hotelchef zurückkahm gab es Entwarnung. Wir dürfen bleiben, auch über die Ausgangssperre hinweg, oder einfach unbehelligt weiter Wandern bis zur Grenze des Distrikts, was ungefähr drei Tagestouren entspräche. Da wir nicht absehen konnten wie es danach weitergehen würde und ich schon lange aufgehört hatte zu glauben, dass es sicherlich nicht mehr schlimmer wird, änderte das nichts an unserer Entscheidung.

Wie der Zufall so will, setzte die Botschaft an diesem Nachmittag auch die Termine der Flüge fest. Einer sollte in zwei und einer in drei Tagen gehen. Einen dritten soll es geben, dafür gab es aber noch keinen Termin. Wir werden benachrichtigt für welchen Flug wir eingeteilt werden.

Am selben Abend kamen drei Nepalesen ins Bob Marley: Sie wollen einen Bus nach Kathmandu organisieren und sammeln Unterschriften, wer dieses Angebot in Anspruch nehmen würde. Wir waren dabei. Das kam wie gerufen. Preis: 2500 NPR. Wann der Bus kommt? Keine Ahnung. Ob er überhaupt zustande kommt? Ebenfalls keine Ahnung. Der Hotelbesitzer gebe uns dann schon rechtzeitig bescheid.

Was am nächsten Morgen um 7:00 Uhr in der Früh auch der Fall war. Gut, dass wir vorsichtshalber schon alles gepackt hatten. Um 8:00 Uhr sollte der Bus da sein. Natürlich wurde es 9:00 Uhr. Das war auch ganz gut, denn das EC-Gerät funktionierte ausgerechnet heute nicht und so mussten wir bei verschiedenen Personen, noch verbliebene Euros in Rupien umtauschen und Dollar leihen. Zum Glück ist sowas, dank Online-Banking, schnell wieder beglichen ist.

Akt 4: Die Busfahrt

Die Organisation des Buses war das reinste Chaos und da irgendwie zu wenig Plätze verfügbar waren, für die vielen Touristen, die nach Kathmandu wollen, wurde kurzerhand ein zweiter organisiert.

Nach einigem Verhandeln war dann auch abgeklärt, dass diejenigen, die in Pokhara noch Gepäck gelagert haben, dieses abholen können. Doch dann wurde auf einmal klar, dass es irgendwie Differenzen bei der Preisvorstellung gab, denn plötzlich wollten die Fahrer 4200 NPR pro Person. Nur so als Vergleich: Eine solche Fahrt hätte regulär 1000 bis 1500 NPR gekostet. Wir wussten auch, dass die, die am Vortag mit dem Bus von Jomsom nach Kathmandu gefahren sind ebenfalls 2500 NPR bezahlt hatten und fühlten uns dementsprechend nicht ganz fair behandelt, in unserer Notsituation ausgenutzt und, vor allem, übers Ohr gehauen. Kurzerhand beschied der Busfahrer, dass das in Jomsom zu klären sei und machte sich, mit uns, die wir schon im Bus saßen, mal auf den Weg.

In Jomsom wurde die Sache natürlich nicht besser. Zuerst kam das Argument, die 1700 NPR Preisdifferent entstünde durch den zusätzlichen Weg zwischen Muktinath und Jomsom. Ja, ja. Darauf folgte eine weitere stundenlange Debatte, bei der die Tourist-Police eher mit abkassierte anstatt anderweitig hilfreich zu sein und für Fairness zu Sorgen. Trotzdem wollten wir nicht aufgeben, denn in unserem Bus saßen auch Leute, die seit mehreren Jahren unterwegs sind und für die das kein kleiner Betrag ist, den man mal schnell aus dem Ärmel schüttelt. Außerdem: Was ist mit denen nach uns? Wie viel müssen die Zahlen?

Irgendwann mussten wir uns doch geschlagen geben. Wir sind weiß, besitzen eine Kreditkarte und in Jomsom gibt es einen ATM. Damit war die Frage geklärt ob wir zahlen konnten. Wie gedeckt die Kreditkarte ist, steht gar nicht zur Debatte. Und zu der Frage ob wir zahlen wollten: Ja, wollten wir… Denn die Alternative wäre eine 900$ Jeepfahrt gewesen. So ein Wucher! Aber diese Gruppe von Männern hat mit unsem kleinem Haufen Touris immerhin das Geschäft ihres Lebens gemacht und sich so ihren Lebensunterhatl über Krise und wahrscheinlich auch weit darüber hinaus gesichert.

Die Fahrt selber war der Horror! Stellt euch vor, ein uralter Bus fährt, in einem Höllentempo, eine Offroadpiste nach unten, immer haarscharf zwischen Felswand und Abgrund. Jap, das trifft es für die ersten 10 Stunden ziemlich genau. Wir hielten in den 26 Stunden Busfahrt genau drei Mal. Nein, eigentlich hielten wir weitaus öfter, der Busfahrer ließ uns aber nicht aussteigen, denn er war ein Arsch. Anders lässt sich das einfach nicht ausdrücken. Das erste Mal durften wir Aussteigen, gegen Abend, um eine Portion Dhal Bhat zu essen, übrigens die einzige Mahlzeit zu der wir kamen. Das zweite Mal, gegen Mitternacht in Pokhara, aber auch das erst nach einer weiteren langen Diskussion, denn der Fahrer wollte sein Versprechen nicht halten und einfach durch Pokhara durchfahren, anstatt die Gepäckstücke einzusammeln. Das dritte Mal gegen Morgen, als der Busfahrer mal für zwei Stunden schlief (erschreckend wenig für 26 Stunden Busfahrt). Erst gegen Vormittag kamen wir endlich, total erschöpft, in Kathmandu an. Dazwischen ereigneten sich noch einige Vorfälle die meine Sympathie für den Fahrer nicht gerade steigerte. Auf die gehe ich aber jetzt nicht näher ein, denn dann könnte ich meinem Ärger auch noch über 10 weitere Seiten Luft machen. Ich schätze rücksichtslose Idioten und gemeine Arschlöcher gibt es einfach überall auf der Welt.

Immerhin hatten wir tolles Panorama vom Busfenster aus. Aber uns vor Augen zu führen, was wir noch alles hätten sehen können, hat den Herzschmerz nur noch verstärkt.

Akt 5: Endlich wieder zu Hause

Wieder in Thamel angekommen durften wir, nachdem alle Verabschiedet wurden, zum Glück wieder in das gleiche Hotel wie zu Beginn der Reise, nämlich das Kathmandu Garden House. Wir wurden überaus freundlich empfangen und mit reichlich Essen versorgt, das wir auch mehr als bitter nötig hatten.

Kathmandu menschenleer… wenn die Luft so sauber ist, dann könnte es mir fast richtig gefallen.

Gegen Nachmittag erreichte uns auch eine E-Mail: Wir sind bei dem zweiten Flug, gleich am nächsten Tag mit dabei! Wir haben vielleicht Glück im Unglück!

Treffpunkt: 6:00 Uhr am Garden of Dreams, von wo aus wir mit Bussen zum Flughafen gefahren wurden. Dort lief alles Reibungslos (abgesehen von der Tatsache, dass Tom sein Handy in besagtem Bus vergaß. Der drehte aber zum Glück nur eine Runde und tauchte 20 Minuten später wieder auf, zusammen mit dem Handy.) Wir unterschrieben ein Dokument, mit dem wir die Bezahlung des Fluges im Nachhinein zusicherten. Es solle sich Preislich an einem „normalen Economyclass-Flug“ orientieren, was ja so ziemlich alles heißen kann. Bis heute ist noch keine Rechnung gekommen.

Über mehrere Stunden flogen wir in den Sonnenuntergang hinein.

Qatar-Air ist wirklich edel, das muss man schon sagen (zumindest, wenn man vorher mit Air-India geflogen ist). Auch beim Umsteigen, sowie im Frankfurter Flughafen lief alles Reibungslos. Wir erwischten sogar spät abends noch einen ICE bis nach Augsburg, und das fast ohne Wartezeit. So kamen wir dann ziemlich unspektakulär und vor allem todmüde nach fast einer Woche Stress und mehr als drei Tagen Heimreise endlich zu Hause an.

Auch wenn es mir um unsere Traumreise leidtut, ich bin trotzdem froh jetzt zu Hause zu sein.

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