Reisen zu Fuß

„Ich habe Wandern gehasst.“

Ja, diese Aussage überrascht wahrscheinlich, in Anbetracht der Tatsache, dass ich, zusammen mit meinem Freund Tom, für zwei Monate durch Nepal trecken wollte. Leider sind ja daraus nur etwas mehr als drei Wochen geworden, da wir, aufgrund der Auswirkungen von Corona in Nepal, verfrüht die Heimreise antreten mussten.

Trotzdem habe ich einen ziemlich guten Eindruck vom Reisen zu Fuß gewonnen und ich muss zugeben: Aus dem Hass ist eine echte Hassliebe geworden.

So manch einer frägt sich jetzt sicherlich warum jemand, der nicht gerne Wandert, dann eine Trekking-Reise nach Nepal macht.

Gute Frage! Ich muss meinen Freund schon ziemlich arg lieben, um auf seine Idee, wir könnten mit dem Rucksack nach Nepal reisen und dort durch das Land wandern, einfach ja zu sagen, ohne groß darüber nachzudenken.

Ich habe mich, um ehrlich zu sein, auch so richtig auf dieses Abenteuer gefreut. Die Nervosität kam erst einige Wochen davor. Wobei meine größte Angst war, dass ich körperlich nicht fit genug sein würde (meinen Sport hatte ich seit dem Abi ein wenig schleifen lassen). Im Nachhinein kann ich aber sagen, dass es durchaus möglich war. Vor allem auf der ersten richtigen Etappe und dem Pass hatte ich wirklich zu kämpfen. Aber ich habe festgestellt: Je größer die Herausforderung, desto größer ist auch das Erfolgserlebnis. Der Schmerz vergeht aber der Stolz bleibt und wenn man so an seine Grenzen geht, dann bleibt ein unheimlich positives „Ich kann alles schaffen!“-Gefühl zurück.

Aber warum ist es denn jetzt eine Hass-Liebe?

Meine Gefühle und Eindrücke, dem Reisen zu Fuß gegenüber sind sehr zwiespältig. Das ist vor allem bedingt durch die heikle Situation, in der wir uns am Ende dieser Reise befanden. Dadurch, dass wir zu Fuß unterwegs waren, waren wir natürlich nicht unabhängig und autark. Wir waren auf Unterkunft angewiesen und die Reichweite ist zu Fuß stark begrenzt. Daher waren wir, als wir versuchten nach Kathmandu zu kommen, auf die Hilfe anderer angewiesen, die unsere Situation finanziell ausnutzen. Zum Glück ist alles gut gegangen und wir sind, nach sehr stressigen drei Tagen, sicher in Kathmandu angekommen. Trotzdem bleibt das Gefühl der Hilflosigkeit hängen und ich fühle mich besser, wenn ich selbst ein Fahrzeug zur Verfügung habe, mit dem ich mich unabhängig von der Hilfe anderer, auch über weitere Strecken frei bewegen kann.

Natürlich ist mir klar, dass meine Eindrücke stark geprägt sind von diesen Ereignissen und ich, wenn wir zu einer anderen Zeit oder vielleicht auch an einen anderen Ort gereist wären, wahrscheinlich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet hätte. Aber so ist das nun mal mit Ausnahmesituationen, sie bleiben im Gedächtnis hängen.

Nichtsdestotrotz wollen wir die positiven Aspekte nicht vergessen!

Ich hätte nie gedacht, dass ich das sagen würde, aber einer der besten Sachen, auf dieser Reise, war die tägliche körperliche Anstrengung.

Unser Körper ist gemacht für Bewegung und Aktivität. Ich habe mich einfach gut, ausgeglichen und wohl mit mir selbst gefühlt. Es ist schön abends mit müden Beinen ins Bett zu gehen, auch wenn ich jetzt kein so großer Fan vom frühen aufstehen war. Ach ja, und das Essen erreicht einen ganz neuen Genussfaktor 😉

Durch die körperliche Anstrengung wird aber noch etwas viel, zumindest für mich, wertvolleres bedingt. Eine Stunde dauert gefühlt 100 Jahre und ein Tag eine Ewigkeit. Dadurch haben sich drei Wochen Reise angefühlt, als wären wir eigentlich doppelt so lange weg gewesen. Für jemanden wie mich, der normalerweise zwei Wochen braucht, um überhaupt im Urlaub anzukommen und dann Panik bekommt, weil er ja in einer Woche schon wieder vorbei ist, war das eine ganz neue Erfahrung.

Ein weiterer Aspekt, der zwar hin und wieder anstrengend, aber eigentlich durch die Bank weg positiv war und, vor allen Dingen verdammt viel Spaß gemacht hat, war der intensive Kontakt zu anderen. Natürlich haben wir uns in Griechenland und Venedig, als wir mit dem Dachzelt unterwegs waren, auch mit einigen unterhalten. Trotzdem, je weniger autark man unterwegs ist, desto intensiver die Kontakte mit Anderen, sei es mit anderen Reisenden oder den Menschen vor Ort. Wir haben so viele nette Unterhaltungen geführt und neue Spiele gelernt, dass mir Tom, jedes Mal wenn wir Karten spielen, die Regeln wieder neu erklären muss, weil ich sie durcheinanderbringe. Zu vielen anderen Reisenden, die wir auf dem Weg getroffen haben, haben ich auch heute noch Kontakt, aber vor allem zu denjenigen, die sich ebenfalls bemüht haben, irgendwie nach Hause zu kommen. In diesem Fall hatte das Drama um die Heimreise also auch etwas Positives: Es verbindet!

Insofern ist das Reisen zu Fuß vor allen Dingen eine intensive Erfahrung und das in jeder Hinsicht. Egal ob positiv oder negativ, alles bleibt mit solch einer Intensität hängen, dass es in jedem Fall ein Abenteuer wird, das einen prägt.

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